Modedesignerin Natascha von Hirschhausen in ihrem Berliner Atelier

Natascha von Hirschhausen gründete 2016 ihr gleichnamiges ethisches Modelabel “Natascha von Hirschhausen” . Noch im selben Jahr wurde sie für den Bundespreis EcoDesign, den wichtigsten Nachhaltigkeitspreis in Deutschland, in der Kategorie “Nachwuchs” nominiert und gelangte unter den besten fünf Bewerbern. Womit überzeugt Natascha von Hirschhausen? Der holistischen Philosophie folgend, entwirft sie ihre Kollektionen mit jedem ihrer Schritte bis ins Detail sozial und ökologisch verantwortungs-bewusst. Minimalistische, elegante und luxuriöse Designs verkörpern den Zeitgeist und werden unter erstklassiger Handwerkskunst gefertigt. puristica hatte das Vergnügen, Natascha in ihrem Atelier und Showroom im Berliner Sprengelkiez zu besuchen. Dort lernten wir die voller Tatendrang steckende Modedesignerin und mitreißende Persönlichkeit mit dem bezaubernden Lachen von ihrer privaten Seite kennen und sprachen mit ihr über Nachhaltigkeit, Modeschulen, Bangladesch und wie sollte es auch anders sein: über ihre Kollektionen.

puristica: Obwohl du erst letztes Jahr, kurz nach deinem Studienabschluss, dein Modelabel gegründet hast, ist dein gesamtes Konzept sehr nachhaltig durchdacht. Woher kommt dein Erfahrungsschatz? Modeschulen setzen Nachhaltigkeit nicht vordergründig auf ihre Lehrpläne oder vielleicht doch?

Natascha: Nachhaltigkeit war für mich schon immer ein relevantes Thema. In meiner Jugend war ich bei Green Peace aktiv, habe jahrelang vegan gelebt und vor allem wurde ich von meinem Vater, der  Mitglied bei den Grünen ist, dafür sensibilisiert. Nachhaltigkeit mit Mode zu verbinden, fühlte sich deshalb nicht fremd an, sondern war für mich selbstverständlich. Das habe ich von Anfang an in meinem Studium einfliessen lassen. Auch bei meinen Abschlussarbeiten „Nachhaltigkeit 2.0 – Entwicklung einer open-source Kollektion“ und “reVISION” – ethische Modegestaltung” fokussierte ich mich darauf. Als ich dann Meisterschülerin wurde, machte ich Nachhaltigkeit in der Mode wieder zu meinem Thema. Danach war ich bestens vorbereitet, um mein eigenes Modelabel nachhaltig zu gestalten. Gegründet habe ich mein Label dann ziemlich schnell im Anschluss, weil mir klar war nur im nachhaltigen Modebereich arbeiten zu wollen – ohne Kompromisse. Die meisten nachhaltigen Labels auf dem Markt suchen leider kaum Mitarbeiter und schon gar nicht Designer, da die Unternehmen tendenziell sehr klein sind. Also stand schon während meiner Masterarbeit fest, dass die Selbstständigkeit die einzige Möglichkeit sein wird, um meinen Wunsch ernsthaft zu verwirklichen. 

Für Modeschulen scheint nachhaltige Mode nicht von großer Bedeutung zu sein. Zwar wurde die Thematik in meinem Studium angeschnitten und einer meiner Dozenten kannte sich auch wirklich gut damit aus aber man lernt dort nicht wie man künftig als Modedesignerin verantwortungsbewusst handelt. Gut wäre es, wenn man als Student wenigstens eine Basis vermittelt bekommen würde. Aber ich glaube, die meisten Schulen sind in diesem Punkt noch nicht so fortschrittlich orientiert. Ein praktisches Projekt dazu wäre eine gute Sache. 

puristica: Wenn man erst einmal selbst deine Kollektion in den Händen halten darf, fällt einem sofort die besondere Schnittführung ins Auge. Sie überrascht mit dem Unerwarteten, scheint aber dennoch nicht zu gewagt, da die minimalistische, klassische Linie beibehalten wird. Wie erreichst du das? 

Natascha: Der Aspekt der Nachhaltigkeit wird der Schnittkonstruktion immer übergeordnet. Das heisst, ich versuche Müll, der durch übrig gebliebene Stoffreste entsteht, zu vermeiden. Das erreiche ich durch drei unterschiedliche Methoden. Dieses Kollektionsstück zum Beispiel ist durch meine innovative Minimal Waste Technik entstanden. Ich habe sie selbst entwickelt. Das ist manchmal wahnsinnig schwierig und eine Herausforderung, aber sie ermöglicht höchste Materialeffizenz. Die Schnittlinien sind nämlich so aufeinander abgestimmt, dass sie gegenüber dem konventionellen Zuschnitt den Materialeinsatz optimal ausschöpfen können. Der liegt in meinen Kollektionen durchschnittlich bei 98 %, also nur 2 % Verschnitt (Natascha zeigt auf winzige Stoffteilchen, die bei einem ihrer Mäntel übrig geblieben sind). Das Ergebnis sind dann Schnitte, die vielleicht von der gewohnten Norm abweichen, aber dennoch  formvollendend sind. Meine andere Technik ist das Drapieren. Der Stoff wird direkt an der Puppe modelliert, in Form gebracht und dann zugeschnitten. Bei den Strickteilen fällt mit 0,01% kein nennenswerter Materialabfall an, da ich alles selbst auf Passform an meiner eigenen Strickmaschine fertige. Ich verwende also keinen fertiges Strickgewebe, das extra zugeschnitten werden muss und damit wieder Überreste verursachen würde. 

puristica: Du wirst im Sommer dein Debüt auf der Fashion Week Berlin mit Living Blue starten. Wie kam es zu der Kooperation? Dürfen wir jetzt schon eine kleine Ahnung davon bekommen wie die Kollektion sein wird? 

Natascha: Von Living Blue kommen die Stoffe, von mir kommt das Design. Inspiration für die Kollektion lieferten die traditionellen Embroidery aus Bangladesch, die modern-abstrakt von mir interpretiert werden. Produziert wird vor Ort in Rangpur/Bangladesch. Living Blue habe ich bereits im Rahmen meines Studiums während des Austauschprogramms „local-international / Berlin – Dhaka“ der Kunsthochschule Weißensee besucht. Die Brand ist Teil des Care-Programms, die Social Enterprises unterstützen. Ich war sofort begeistert von der Handwerkskunst, die dank Living Blue in Bangladesh erhalten bleibt. Living Blue färbt hauptsächlich mit Indigo und ausschließlich mit Pflanzenfarben. Hinzu kommen traditionelle Handarbeitstechniken, wie Shibori, eine bestimmte Batik-Technik und Kantha, eine spezielle Stick-Technik. Da die Handwerkskunst so außergewöhnlich ist, nennen wir die Frauen von Living Blue auch Künstlerinnen. Nachdem wir mit den „Artisans” vor Ort arbeiten durften, haben wir auch das Dorf angeschaut, in dem sie leben und wo die Frauen ihren Familien, dank der Arbeit von Care und Living Blue, ein gutes Leben bieten können. Als Mishael, der Manager von Living Blue, mich dann fragte, ob ich mir vorstellen könne mit den Künstlerinnen eine Kollektion auf die Beine zu stellen, habe ich nicht lang gezögert und die Chance genutzt, mich mit Pflanzenfärbung, Shibori und Kantha näher auseinander zu setzen. Wir werden dann unsere gemeinsame Kollektion im Sommer im Green Showroom und auf der Salon Show der Berliner Fashion Week präsentieren. Ihr dürft also gespannt sein.

puristica: Von Bangladesch als Modeproduktionsstätte hört man normalerweise nichts Gutes. Billiglöhne, gefährliche Arbeitsbedingungen, keine gesundheitliche Versorgung. Kurzum: Ausbeutung. Kannst du das mit deinen eigenen Eindrücken bestätigen?  

Natascha: Ich war ja im Zuge des erwähnten Ausstauschprogramms „local-international / Berlin – Dhaka“ dort und habe mir auch einige Produktionsstätten anschauen können. Das waren gemessen an dem dortigen Standard aber Vorzeigefabriken – so wie ich sie beschreiben würde- mit Pflanzenfärberei, eigener Wasseraufbereitung, Arbeitsschutz und Mindestlohn. Eine Fabrik wirkte wie extra für den europäischen Besucher konzipiert: Es gab dort einen eigenen kleinen Zoo mit Aras und Rehe, Springbrunnen und auf Elefantenform gestutzte Buxbäume – alles sehr utopisch. Wirkliches Leid habe ich nur auf den Straßen gesehen, nicht aber in den Fabriken. Es war auch nicht möglich in einer “verrufenden” Fabrik einen Besichtigungstermin zu bekommen. Ganz klar warum man dort nicht so einfach Zugang bekommt. 

puristica: Neben deiner Arbeit als Designerin bist du noch Gründerin des Magazins „AETHIC.de – Mode / Ästhetik, Ethik und Innovation“ und damit sozusagen eine Kollegin ;-). Wie ist es dazu gekommen und um was geht es inhaltlich?

Natascha: Der Grundstein für AETHIC.de wurde auch durch das Austauschprogramm gelegt. Nach dieser Erfahrung hatte ich einfach Lust dazu, über Nachhaltigkeit und Modedesign zu schreiben; eine Infoplattform, auch für Konsumenten zu schaffen. Dann habe ich mich mit meinen Freunden zusammengesetzt, erklärt um was es geht und gefragt, wer Interesse hat mitzumachen. Seitdem sind Stefanie Barz und ich ein Team. Seit 2016 sind noch weitere Autorinnen dazu gekommen. Mal sehen was die Zukunft noch so bringt. 

nataschavonhirschhausen.com

Unsere Impressionen aus dem Atelier und Showroom “Natascha von Hirschhausen”:

Nuancen von Blau sind typisch für Nataschas Kollektionen
Nataschas Skizzen. Habt ihr etwas wiedererkannt?

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